HANDELSZEITUNG (Zürich)  /  12. März 2007

René Mägli: Der Reederei-Chef stellt nur Frauen an

Der Schweizer Länderchef der weltweit zweitgrössten Reederei, MSC, spielt nicht gerne den Hahn im Korb. Trotzdem besteht seine 83-köpfige Belegschaft ausschliesslich aus Frauen. Laut René Mägli arbeiten Frauen viel besser und sind teamfähiger als nach Macht strebende Männer.

Drei Etagen mit 83 attraktiven, intelligenten Frauen und mittendrin ein Mann. Dieses Arbeitsumfeld wirkt wie ein Männerwunschtraum. Aber am Schweizer Sitz der weltweit zweitgrössten Reederei, MSC, in Basel ist dies die Realität. Für René Mägli, CEO von MSC Schweiz, ist das Alltag. «Ich stelle aus Überzeugung nur Frauen an», sagt der 56-jährige Basler. Zudem zeigt er sich überzeugt, für einen männlichen Neuzugänger wäre das Arbeitsumfeld gar nicht so traumhaft. Seine Mitarbeiterinnen seien ein eingeschworenes Team. Ein Mann hätte einen schweren Stand.

Mägli ist nicht einer, der gerne den Hahn im Korb spielt. Wenn er ab und zu die Bemerkung höre, er sei ein Pascha, dann sei das dummes Geschwätz. Frauen arbeiteten einfach besser. Nicht nur seien sie kommunikativer und exakter als die Männer, sie strebten auch nicht nach Macht, was die Arbeit wesentlich erleichtere.

Dabei ist Mägli kein Männerfeind. Aber seine Erfahrungen mit männlichen Angestellten waren negativ. Gestartet hat er sein erstes Unternehmen vor 25 Jahren mit einem Lehrling. Danach seien ein paar Frauen hinzugekommen und auch ein Mann. Nachdem dieser vor 15 Jahren gegangen sei, habe er einen neuen Mann eingestellt – der, wie es halt so sei, den Frauen überlegen sein wollte. Doch die MSC-Frauen, einige davon mit breiten Fachkenntnissen, seien schwer zu übertreffen. Der Mitarbeiter habe mit dieser weiblichen Überlegenheit nicht umgehen können, und Papiere, die er nicht verstanden habe, in der Schublade verschwinden lassen. Eine Entlassung war unumgänglich. «Er wollte einfach besser sein als die Frauen, aber er war es nicht.» Seither stellt Mägli nur noch Frauen ein. Findet er das nicht diskriminierend? «Ich bin froh, leben wir nicht in den USA», antwortet er.

«Der Körper lügt nicht»

Für Mägli ist klar, wieso er die Fähigkeiten der Frauen denjenigen der Männer bevorzugt. Frauen wissen aus Tradition, einen Haushalt zu führen und ein Budget zu verwalten. Frauen seien von Natur aus kostenbewusst und gut im Prioritätensetzen. Sind für ihn Männer einfach Tunichtgute? Mägli lacht: «Ich bin ja selber einer, aber die Frauen sind einfach besser.» Sie sollten aber anders geführt werden. Man müsse sie motivieren und ihnen sagen, dass sie besser seien. Zudem brauche es Feingefühl, um mit Frauen richtig umzugehen. Da kommt Mägli sein Hobby, die Körpersprache, zugute. «Ich weiss, wie es einer Frau geht, wenn sie hereinkommt. Der Körper lügt nicht.» Je nachdem gehe er unterschiedlich auf die Frauen zu. Am wichtigsten ist ihm, dass sie sich am Arbeitsplatz wohl fühlen. Sie tragen eine grosse Verantwortung: Von ihrem Schreibtisch aus verschieben sie Millionen Tonnen von Waren; Rohstoffe wie Baumwolle und Kaffee, aber auch Konsumgüter aller Art von internationalen Konzernen. Die Branche, in der sie arbeiten, ist eine ausgesprochene Männerdomäne. Auf das Tätigkeitsfeld lassen am Schweizer Sitz nur ein paar Modelle von Kreuzfahrt- und Frachtschiffen schliessen.

Obwohl er mit seinen Personalentscheiden auffällt, hält sich Mägli gerne im Hintergrund. «Sie sehen mich nie an Partys», sagt der Basler. Mägli ist nicht der Kumpeltyp, er wirkt eher zurückhaltend, beobachtend. Er spricht auch nie von «meinen Frauen» und schon gar nicht von «meinen Girls», sondern immer von «unseren Frauen». Wenn er etwa der Angestellten, die den Kaffee ins Sitzungszimmer bringt, sagt, wenn mehr Männer hier arbeiteten, wäre es wohl sauberer, dann macht er das in einem trockenen Ton. Dass er mit den Mitarbeiterinnen flirtet, ist schwer vorstellbar. Trotz respektvoller Distanz ist die Beziehung Chef und Personal herzlich. Stolz zeigt er ein liebevoll selbst gemachtes Kunstwerk, das ihm die Frauen einst zu Weihnachten schenkten. Nächstes Wochenende löst er das letztjährige Weihnachtsgeschenk ein, einen Gutschein für ein Wochenende mit Musical in London mit seiner Partnerin. Er selber hat die Frauen letztes Jahr mit einer Einladung an ein Robbie-Williams-Konzert überrascht. Im Vorjahr schenkte er ihnen einen Kochkurs in einem 17-Punkt-Gault-Millau-Restaurant.

Diese kleinen Extravaganzen würde Mägli sich nicht leisten, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass sich solche Investitionen auszahlen. Fachkräfte im Reedereigeschäft sind in Basel rar. Viele, die heute bei der Konkurrenz sind, hat er ausgebildet. Die Fluktuationsrate sei aber sehr gering. 10% der Frauen arbeiten seit mehr als 10 Jahren für MSC, 30% mehr als 5 Jahre. Bei MSC können die Frauen aufsteigen: Wenn sie Kinder kriegen, erhalten sie Urlaub, und danach steigen sie mit reduziertem Pensum wieder ein. Derzeit arbeiten zwei Frauen im oberen Kader Teilzeit.

Ist es einfacher, Frauen zu kritisieren? Mägli: «Kritik ist angebracht, wenn ein Fehler passiert, und das geschieht meistens aus Unkenntnis.» Für ihn sei es interessant zu wissen, was seine Mitarbeiterinnen nicht wüssten. Alle trügen ihre Fehler in ein Fehlerprotokoll ein und sendeten ihm davon eine Kopie. Hin und wieder trage er die Meldungen zusammen, um zu entscheiden, in welchen Bereichen Schulungen notwendig seien. Fehler seien sehr problematisch bei einem Unternehmen, das 25% pro Jahr wachse. Ende 2006 beschäftigte er 64 Angestellte und heute sind es bereits 84.

Das Fehlerprotokoll ist eine Mägli-Idee und hat nichts mit der Unternehmenskultur der Besitzer zu tun. Die Ländergesellschaften seien sehr autonom.

Herrscht bei MSC Schweiz stets Harmonie? Gekeife und fiese Sticheleien will Mägli unter den Frauen noch nie gesehen haben. Keine Ellbögeleien und Intrigen? «Nein, nein, nein, das kenn ich hier nicht», antwortet er. «Nochmals, es ist der Mann, der nach Macht strebt.» Trotzdem habe es schon Differenzen gegeben zwischen den Mitarbeiterinnen. Er habe auch schon zwei aufgefordert, gemeinsam zum Mittagessen zu gehen, und dann die Rechnung für sie bezahlt. Ungute Stimmungen müssten sofort aufgehoben werden. Wenn er neue Mitarbeiterinnen einstelle, dann frage er sich zuerst, ob sie ins Team passten. Das sehe er auf den ersten Blick. Mägli legt Wert auf Softfaktoren bei der Selektion: Das Wichtigste, damit Qualität erbracht werde, sei die Motivation. «Begeisterung ist Kraft», das töne wohl ein wenig wie bei einem Pfarrer, schmunzelt er. Sein Credo: Jede Person müsse so eingesetzt werden, dass sie sich wohl fühle. Diejenigen, die aufsteigen wollen, sollen aufsteigen. Diejenigen, die als Assistentinnen zufrieden sind, solle man so respektieren. Weiter: «Ich habe keine Sekretärin – das ist Machogehabe.» Dafür habe er zehn Assistentinnen eingestellt, die alle aufgestiegen seien. Dass er stets ein halbes Dutzend Lehrlinge ausbilde, sei selbstverständlich.

Liebe für Trubel und Ästhetik

Mägli selber hat in Basel eine Speditionslehre absolviert. Nach der Lehre zog es ihn ins Ausland. Er fand einen Job bei der Holland-Amerika-Linie in Rotterdam. 1971 wollte die Holland-Amerika-Linie in der Schweiz eine Filiale eröffnen. Mägli übernahm den Job als 21-Jähriger. Während sieben Jahre amtierte er als deren Geschäftsleiter in Basel. Das Virus der Branche hatte ihn gepackt. Die nächsten Jahre amtierte er als Geschäftsleiter verschiedener Reedereien in Basel, bis er 2001 die Leitung von MSC Schweiz übernahm. An der Branche fasziniere ihn die Hektik. Es sei wie in einer Börse. Eine Reederei habe mit sämtlichten Materialien zu tun und befasse sich mit unterschiedlichsten Produkten. Im Trubel muss für den Ästheten das Umfeld stimmen. Er ist fasziniert von Fengshui, was für ihn nichts anderes sei als Wohlbefinden. In der Freizeit hält er sich gerne in seinem Garten auf, der im mediterranen Stil gehalten ist. Nach seinen Lebensträumen gefragt, sagt Mägli wie aus der Kanone: «Ich bin kein Träumer, ich bin ich, ich habe kein Streben nach Grösse. Mein Bestreben ist, der beste zu sein.» Aber er lebt ja bereits einen Traum – einen Traum vieler Männer zumindest.